25.02.2015

"Anschub“ für ein neues Leben in Deutschland

Im Landkreis Neu-Ulm startet diese Woche ein Pilotprojekt aus Schule und Praktika für minderjährige Flüchtlinge.

Sie sehen optimistisch in die Zukunft (von links): Vanessa Herrmann (Lehrerin der Übergangsklasse an der Peter-Schöllhorn-Mittelschule Neu-Ulm), Hanae Dermas, Monika Scherzer (Rektorin der Peter-Schöllhorn-Mittelschule Neu-Ulm), Sleman Ahmed und Osman Tahier.

Sie heißen Hanae Dermas, Sleman Ahmed und Osman Tahier und sind 17 Jahre alt. Von Eritrea, einem bitterarmen ostafrikanischen Land am Roten Meer, das von einem der weltweit schlimmsten Willkürregime beherrscht wird, haben sie sich alleine – ohne Eltern und Verwandte – bis Deutschland durchgeschlagen. Hier wurden sie als sogenannte minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge vom Jugendamt (Koordination: Brigitte Schmalz) in Wohngemeinschaften in Neu-Ulm untergebracht und ihnen Betreuer zur Seite gestellt. In der Peter-Schöllhorn-Mittelschule Neu-Ulm-Mitte besuchen sie seit einigen Monaten die Übergangsklasse von Lehrerin Vanessa Herrmann; ihr Deutsch ist mittlerweile schon ganz passabel.  

 

Am 23. Februar bekommt ihr neues Leben in Deutschland einen weiteren Schub. Dann startet im Landkreis Neu-Ulm das bayernweit einmalige Pilotprojekt „Anschub“. Der Name steht als Akronym für „Asylsuchende nicht volljährige Flüchtlinge in Schule und Betrieb“. Auf Initiative von Schulamtsdirektor Dr. Ansgar Batzner wird der Modellversuch von mehreren Kooperationspartnern getragen: neben dem Staatlichen Schulamt Neu-Ulm von der Kreishandwerkerschaft Günzburg/Neu-Ulm, der Industrie- und Handelskammer Neu-Ulm sowie dem Landratsamt Neu-Ulm (mit dem Fachbereich „Jugend und Familie“). Zur Finanzierung steuern die Bildungsregion Landkreis Neu-Ulm und die Kompetenzakademie Neu-Ulm, deren 1. Vorsitzender Dr. Batzner ist, Gelder bei.

 

„Anschub“ kombiniert Schule mit Praktika in Wirtschaftsbetrieben und schließt damit eine Lücke, die klafft, weil es an den beiden Berufsschulen im Landkreis Neu-Ulm bislang nicht möglich ist, Asylbewerber aufzunehmen. In drei zeitlichen Blöcken – von den Faschings- bis zu den Osterferien, von den Oster- bis zu den Pfingstferien und von den Pfingstferien bis kurz vor Schuljahresende – gehen zunächst elf Jugendliche im Alter von 16 oder 17 Jahren drei Tage in der Woche in die Schule, lernen dort vor allem Deutsch und Mathematik, aber auch andere Fächer, und schnuppern zusätzlich zwei Tage in der Woche in verschiedenen Unternehmen.

 

Insgesamt 20 heimische Arbeitgeber aus Handwerk, Industrie und Handel sind bereit, an dem Programm mitzuwirken. Gerd Stiefel, Firmeninhaber und Vorsitzender der Regionalversammlung Neu-Ulm der IHK Schwaben, forderte seine Kollegen aus der Wirtschaft auf, angesichts des Fachkräftemangels auch auf Immigranten zu setzen. „Wenn sie da sind, dann gehören sie zu uns“, sagte der Unternehmer, der je fünf Jahre in Malaysia und Australien gelebt hat.

 

Kreishandwerksmeister Michael Stoll sicherte den angehenden Praktikanten „jede Unterstützung und Hilfe“ zu, wenn sie sich engagierten und weiter fleißig Deutsch lernten. Ulrike Ufken, die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, ließ daran keinen Zweifel. Im Gespräch mit den Jugendlichen habe sie „unheimlich viel Lust und Antrieb“ gespürt, etwas zu lernen und zu tun. Integration der ausländischen Neuankömmlinge in unserer Gesellschaft und unserem Arbeitsmarkt ist laut Landrat Thorsten Freudenberger aus humanitärer, sozialer, demographischer und wirtschaftlicher Sicht das „Gebot der Stunde“. Monika Scherzer, Rektorin der Peter-Schollhörn-Mittelschule, berichtete, die Übergangsschüler, die sie kenne, seien „zuverlässig, engagiert und motiviert“, sie bräuchten nur „Hände, die sie führen“. „In den Jugendlichen steckt Potenzial!“, bekräftigte ihre Lehrerin Vanessa Hermann. Es gelte, dieses Potenzial zu nutzen, so Dr. Ansgar Batzner. Da setzt das Projekt „Anschub“ an. Es gibt den jungen Flüchtlingen quasi eine Anschubhilfe für ihren Neustart in Deutschland.

 

Hanae, Sleman und Osman können es schon gar nicht mehr erwarten, bis es losgeht. Sie und weitere acht eingewanderte Jugendliche werden nach den Faschingsferien den Anfang machen, Mitte April kommen dann aus den Übergangsklassen in Neu-Ulm und auch an der Werner-Ziegler-Mittelschule in Senden weitere Jugendliche dazu. Oliver Stipar, der hiesige Regionalgeschäftsführer der  IHK Schwaben, blickt sogar schon weiter: „Der oder die ein oder andere“ könne später in eine reguläre Berufsausbildung übernommen werden.