02.11.2017

Ulmer Dramaturgien - Filme der HfG

Die Firma protel Film und Medien veröffentlicht die Doppel-DVD „Ulmer Dramaturgien“ mit an der Hochschule für Gestaltung von 1962 bis 1968 entstandenen Filmen. Sie erscheint Mitte November und ist dann in Buchhandlungen erhältlich. Weitere DVDs (Filme zur Studentenbewegung) sind geplant.

Von 1962 bis 1968 hatte die Ulmer HfG auch eine Filmabteilung: ein wichtiger Schauplatz des Neuen Deutschen Films. Foto: HfG/Protel

Stundenlang mit der Kamera drauflosdrehen, bis der Speicher platzt. Und dann gleich den nächsten Chip reinschieben. Das ist die digitale, verschwenderische Filmwelt. Material ohne Ende. „Das Elend kommt dann beim Schnitt“, sagt Günther Hörmann. Er hat das noch anders gelernt, als Student unter Alexander Kluge und Edgar Reitz an der 1962 gegründeten Film­abteilung der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG).

Die wohl wichtigste filmästhetische Innovation damals waren Miniaturen: kurze, dramatische oder informative Aussagen. Jede Minute 35mm-Filmmaterial in Schwarzweiß kostete nämlich viel Geld. Man musste ziemlich genau wissen, was man tat. Diese Übung des Autorenfilms „wirkte sehr disziplinierend“, sagt der 77-jährige Hörmann.

Zu den Miniaturen zählen fast surrealistische Spots wie Hörmanns „Restaurantbesuch in einem kommunistischen Land“, dessen Mini-Essay „Eisenbahner Tschoch“, auch geradezu epische Kurz-Erzählungen wie „Sag mir wo die Blumen sind“ von Brian Wood oder historische Blicke auf die Wirklichkeit wie Peter Schuberts „Gaswerk“. Und eine politisch-zeitkritische Haltung gehörte zur Grundmotivation.

Der Nazi-Weltkrieg war in den 60ern längst nicht verarbeitet. „Die Säulenheiligen“ an der HfG waren Walter Benjamin („Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“) und sowieso Theodor W. Adorno und Max Horkheimer mit ihrer „Dialektik der Aufklärung“ und der „Kritischen Theorie“. Während in Frankreich die Nouvelle Vague und in Italien der Neo­realismo längst das Kino aufgerüttelt hatten, hingen die Deutschen noch dem Heimatfilm an, erinnert sich Hörmann.

„Papas Kino ist tot“

Im Oberhausener Manifest von 1962 aber erklärten Kluge und Co. spektakulär: „Papas Kino ist tot“. Und in Ulm wurde der Nachwuchs geboren, ganzheitlich.  Kein Spezialistentum – gesucht und ausgebildet wurde der Typ des „Gesamtautors“, der im Team für alles in seinem Film verantwortlich ist.

Die legendäre Geschichte der Filmabteilung der HfG, aus der dann das erst 2016 geschlossene Institut für Filmgestaltung Ulm hervorging, ist gut aufgearbeitet. „Aber die Filme?“, fragte sich Hörmann, der für Kluges 1968 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichneten Spielfilm „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ als Kameramann dabei war, der selbst als Regisseur arbeitete, als Professor lehrte und zuletzt das Institut für Medienforschung und Medienentwicklung Ulm (IMM) leitete. Er sei in Sorge gewesen, meint Hörmann, dass das alles nur „50 Jahre altes Zeugs“ sei. Diese Sorge hat sich gelegt. Die Miniaturen, die experimentellen „Minutenfilme“, erscheinen auch im You-Tube-Zeitalter ziemlich modern. Andere Filme haben zudem außerordentlichen dokumentarischen Wert.

So gibt Hörmann mit Günter Merkle (Protel Film und Medien GmbH) jetzt die von 1962 bis 1968 an der HfG produzierten Filme auf einer Doppel-DVD heraus: „Ulmer Dramaturgien“. Merkle erforscht seit langen Jahren die historischen Filmdokumente der Stadt Ulm und hat schon mit großem Erfolg diverse DVDs veröffentlicht, darunter „Ulmer Feste“. Er sieht die HfG-Filme auch mit lokalpatriotischen Augen: Dreh­ort war schließlich meist Ulm. Es war dann ein aufwendiges Projekt seiner Firma Protel Film und Medien, die in der Deutschen Kinemathek in Berlin lagernden Negative zu digitalisieren.

Rund viereinhalb Stunden Filme bietet die Doppel-DVD inklusive Bonus-Material: ein Gespräch mit den HfG-Absolventen Lothar Spree und Jeanine Meerapfel und das HfG-Filmporträt „Zauberlehrlinge von Ulm“ (1960) von Rudi Hornecker. Es sind natürlich nicht nur Miniaturen dabei, sondern auch faszinierende Kurzfilme wie „Ansichten einer Stadt“ (1964), Günther Hörmanns und Wilfried E. Reinkes Ulm-Porträt. Oder „Die Wahl“ von Reinke, eine fesselnde Doku über den Bundestagswahlkampf 1965 im Wahlkreis Neu-Ulm, die nicht zuletzt Franz Josef Strauß beobachtet, wie er so brillant wie niederträchtig die SPD und Willy Brandt diffamiert, dass heutiger Politiker-Disput wie ein Kindergarten-Stuhlkreis wirkt.

„Die Regionalzeitung“ von 1966

Auch ein beeindruckendes Zeitdokument:  „Die Regionalzeitung“ (1966) von Jeanine Meerapfel, ein Film über die „Schwäbische Donau-Zeitung“, Vorläuferin der SÜDWEST PRESSE. Spannend allein schon eine Sitzung, in der die Journalisten debattieren, wie sie mit der rechtsextremen NPD umgehen sollten. Aufklären oder verschweigen? Natürlich müsse die Öffentlichkeit wach gerüttelt werden, „aber wir machen mit jeder Zeile Reklame für die NPD“, sagt ein Reporter. Auch das ist eine Qualität von Zeitdokumenten: dass man 50 Jahre später erkennt, dass sich Problematiken wiederholen. (Text: SWP/Jürgen Kanold)